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Religion

Gott und die Dichtung

Neulich bin ich auf folgende Rezension zu »Soldaten des Geistes« gestoßen, die ich im Folgenden etwas kommentieren will:

»Musikalisch wirklich rundum überzeugend.«

Das hört man gerne!

 

»Inhaltlich durchwachsen. Es gibt drei Hauptaspekte: System- und Gesellschaftskritik, antiamerikanische Globalisierungskritik und Religionskritik. Viele Texte sind von philosophischen Schriften großer Denker inspiriert und werden im aufwendigen Beiheft kommentiert. (...) Man spricht apodiktisch; etwa im Refrain: »Gott ist tot« (»Rede des toten Christus«). Dieses Zitat provoziert erstens die Frage, woher der Texter das weiß, und ist mir zweitens von Ludwig Feuerbach bekannt, nicht von Jean Paul, in dessen Kontext es implantiert wird; es wird von Christen übrigens mit der Feststellung: »Feuerbach ist tot« gekontert.«

Mir ist sowohl Feuerbach als auch diese Art ihn zu »kontern« bekannt. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass verschiedene Denker in ähnlichen Bahnen denken. Es hat natürlich seinen Sinn, das wir das Zitat von Sartre unter den Text zu »Rede des toten Christus« platziert haben. Dieses Zitat besagt: »Auch Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt.« Ich teile mit Sartre die Ansicht, dass Gott nur in den Gedanken der Menschen existiert und nur durch seine Gläubigen Macht ausüben kann. Ein Gott, an den niemand mehr glaubt, ist ein gestorbener Gott. Die griechischen Götter sind gestorben. Man kennt sie noch, aber man glaubt nicht mehr an sie. Der christliche Gott ist noch nicht gestorben, aber besonders gesund fühlt er sich auch nicht. Ich würde sagen, er liegt im Sterben. Wenn jemand Bedeutsames im Sterben liegt (bedeutsam ist ein Gott, der unser Land Jahrhunderte lang geprägt hat, wohl sicherlich), dann macht es Sinn, an das Leben nach seinem Tod zu denken, und genau das haben wir in unserem Text versucht. Es wundert mich, dass dem offensichtlich religiösen Verfasser dieser Rezension nicht positiv aufgefallen ist, dass wir die Welt nach Gottes Tod keinesfalls verherrlichen. Eher trifft das Gegenteil zu.

»Eine Gegenüberstellung dreier Lieder zeigt die innere Zerrissenheit, die vielen areligiösen Menschen eigen ist: Man kann sich nicht entscheiden, ob es Gott nun gibt und man ihn beschuldigen will (»Der Revolutionär«, »Der Herdenlenker«), oder ob es ihn nicht gibt (»Rede des toten Christus«). »Du bist böse, also glaube ich nicht mehr an dich«: Diese Phantasie, Gott durch Glaubensverweigerung zu töten, wird durch ein Sartre-Zitat im Beiheft dokumentiert. Dass diese Haltung eine tief religiöse, von Hilflosigkeit und Sehnsucht gezeichnete Auseinandersetzung mit Gott ist, ist dem Texter vielleicht nicht bewusst. Ferner ist auch der atheistische »skeptische Materialismus« eben selbst nur Glaube, und diejenigen, die ihn für reine (gereinigte) Wahrheit halten, stehen dem religiösen Fanatismus damit doch recht nahe. Insgesamt wird hier recht forsch über Dinge gesungen, die der Mensch nur glauben, nicht wissen kann. Das ist in dieser Form leider völlig unangemessen und auch fruchtlos. Wessen großer Name dann darunter steht, ist doch völlig gleich.«

Die innere Zerrissenheit, die hier unterstellt wird, existiert einfach nicht. Der Rezensent hat nämlich etwas Wichtiges außer Acht gelassen: Es ist in der Literaturwissenschaft und natürlich auch bei Gedichtinterpretationen eine Kardinalsünde, den Erzähler eines Textes mit dem Autor gleichzusetzen. Gerade bei »Der Revolutionär« und »Der Herdenlenker« hätte ich nicht erwartet, dass jemand diesen Fehler machen würde. »Der Herdenlenker« ist ja aus der Sicht von George W. Bush geschrieben und hat nichts mit Gott zu tun, also fällt das von vorneherein weg. Und »Der Revolutionär« ist offensichtlich ein satirisch-parodistisches Lied. Der klischeehafte bärtige Greis, der fluchend mit dem Revolutionär streitet, der ist eine literarische Spielfigur, um den Charakter des Revolutionärs besser darstellen zu können. Er ist keinesfalls ein ernstzunehmender Gott, mit dem sich der Text kritisch auseinandersetzen will. Wenn wir aus einer inneren Zerrissenheit heraus Forderungen an Gott stellen würden, dann käme dabei sicherlich sinnvolleres heraus, als die Forderungen, die der Revolutionär stellt (Wein, französische Desserts und einen Frisör für Jesus Christus).

 

»Besser gelungen sind schon die Lieder, die keine Glaubensfragen berühren.«

Unserer Ansicht nach sind alle Texte gut gelungen, ihre Aussage ist eben nur nicht immer nach dem Geschmack des Rezensenten.

»Etwa das die gleichnamige Brecht-Hypothese verarbeitende »Wenn die Haifische Menschen wären«. Es stellt menschliches Verhalten modellhaft dar. Oder »Der Krieg«, ein »Antikriegslied«, dessen Dichter Georg Heym der Zerstörung – ähnlich wie Ernst Jünger – eine ästhetische Dimension abgewinnt. Oder »Spendenaufruf«, das die gesellschaftlichen Mechanismen der herrschenden Meinungsdiktatur beleuchtet. Gesamturteil: Trotz der aufgezeigten schweren Mängel kann man sich zum Nachlesen und eigenen Nachdenken anregen lassen.«

Wenn man eine fehlende traditionell-religiöse Überzeugung als »schweren Mangel« ansieht, dann kann ich mit diesem Fazit gut leben, vor allem, weil diese Rezension ja nur die Texte, und nicht die »rundum überzeugende« Musik kritisiert. Wer neugierig geworden ist, kann den Text zu »Rede des toten Christus«, um den es diesem Rezensenten ja in erster Linie geht, auch hier nachlesen und dazu das MP3 anhören.

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