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Religion

Das Leid der Anti-Religiösen

Ein paar Worte zu dem in Black-Metal-Kreisen so oft diskutierten Thema Religion, Christentum und Atheismus (von Hyperion).

Um zu klären, was der Begriff Religion überhaupt bedeutet, biete ich euch zuerst einmal drei Definitionen an, auf die ich mich dann im Folgenden beziehe:

Johnny Hedlund,
Sänger und Mastermind von Unleashed
 

1. Definition, Stichwort Unleashed: Es gibt viele Viking-Metal-Musiker oder satanische Black-Metal-Bands, die sich als antireligiös bezeichnen, obwohl sie selbst eine Religion predigen. Ob man nun einen Gott oder einen Antigott verehrt, macht eigentlich keinen großen Unterschied, weil die Existenz des einen die des anderen logischerweise bedingt. Unleashed zum Beispiel singen in dem einen Lied gegen Gott und Glauben (ohne diese Wörter näher zu erläutern) und in dem nächsten preisen sie Odin. Ist Odin in ihren Augen kein Gott? Erkennen sie den Widerspruch nicht? Wahrscheinlicher ist, dass diese Menschen den Begriff Religion offensichtlich als Synonym zu Christentum und das Wort Gott als Synonym zu christlichem Gott benutzen. Ihre Definition lautet also: Religiös sein heißt Christ sein.

2. Definition, Stichwort Vulkan: Mir hat jemand mal von einem Team von Wissenschaftlern erzählt, das nach einem Volk suchte, welches keinen Gott verehrt. Dieses Team stieß nach langer Suche auf einen Stamm, der keine religiösen Anwandlungen zeigte. Später stellte sich aber heraus, dass dieser Stamm einmal jährlich auf einen in der Nähe gelegenen Vulkan stieg, um dort diesem Berg zu huldigen. Danach gaben diese Wissenschaftler die Suche auf, weil sie nicht mehr daran glaubten, dass irgendwo ein Volk ohne Religion und Gott existiert. Ihre Definition: Religiös sein heißt, an etwas Höheres zu glauben.

3. Definition, Stichwort Drogen: Es war, wenn ich mich nicht irre, Karl Marx, der einmal sagte: »Religion ist Opium für das Volk.« Seine These also: Religion ist ein Ersatz für Drogen. Ich stelle jetzt mal die entgegen gesetzte These auf: Drogen sind ein Ersatz für Religion. Ich kenne Leute, für die ist Cannabis der Lebensinhalt. Sie laufen in Klamotten herum, die mit afrikanischen Farben bemalten sind und auf denen Hanfembleme haften, sie haben ausschließlich Freunde, die viel Kiffen (ich bin ihr Bekannter, nicht ihr Freund), sie hören Reggae-Musik und sie reden fast ausschließlich darüber, wie bekifft sie letztes Wochenende waren, ob das Zeug vom Sowieso gut ist und wann sie den nächsten Hollandurlaub machen. Man könnte bei Cannabis (ähnlich wie bei zahllosen anderen Dingen wie Geld, Boygroups, Autos, Fitnesstraining etc.) also von einer Religion sprechen, wenn man folgende Definition zugrunde legt: Religiös sein heißt einem Kult anzuhängen.

Ich habe mit der präzisesten Definition angefangen (religiös sein heißt Christ sein) und habe mit der allgemeinsten Definition geendet (religiös sein heißt, etwas extrem zu verehren oder einem Kult anzuhängen).

Jetzt kann ich zu Interessanterem übergehen, nämlich zu der Beurteilung dieser verschiedenen Religionen und Ersatzreligionen sowie zu einer Analyse angeblicher Atheisten, in der ich prüfen will, wie gottlos und unchristlich diese Menschen wirklich sind.

 

Damit keine Missverständnisse aufkommen, erst einmal meine Ansicht zum Christentum: Die Kirchen in Deutschland sind im Sterben begriffen, sie zählen jedes Jahr weniger Mitglieder und verlieren immer mehr an Einfluss, und das ist ein wahrhaft göttlicher Segen. Ich gehöre keiner Konfession an und würde jedem Kirchenmitglied raten, sofort auszutreten. Ich selbst könnte es unter keinen Umständen mit meinem (guten, nicht bösen) Gewissen vereinbaren, auch nur einen Euro Kirchensteuer zu zahlen oder als Mitglied in einer so verachtenswerten Vereinigung geführt zu werden. Wenn jeder, der sich den Kirchen sowieso nicht mehr verbunden fühlt, auch wirklich austreten würde, dann wäre diesem Land wesentlich weitergeholfen. Die Kirche leidet unter drei Dutzend Austritten weit mehr, als unter einem abgebrannten Gotteshaus. Kirchenbrände und ähnliche Aktionen verhelfen den Katholiken und Protestanten nur zu medialer Präsenz und gesellschaftlicher Sympathiebekundungen.

Obwohl ich also dem Christentum gegenüber kritisch und den Kirchen gegenüber feindlich eingestellt bin, kann ich eine Tatsache nicht bestreiten: Jeder Deutsche, auch ich, steht in der Tradition des christlichen Abendlandes. Jeder Deutsche wurde in gewisser Weise christlich erzogen und durch das Christentum geprägt, selbst dann, wenn die Eltern überzeugte Atheisten sein mögen. Unsere Ethik, unsere Gesetze, unsere persönlichen Wertvorstellungen, unsere Ideologie, unsere Philosophie und unsere politischen Ansichten wurden allesamt unter dem Einfluss vieler Jahrhunderte christlicher Kulturgeschichte geformt und gefestigt. Wir sollten überlegen, welche christlichen Werte heute noch brauchbar oder sogar für das Zusammenleben unentbehrlich sind und welche überflüssigen Ballast darstellen. Von diesem Ballast sollten wir uns und unser Land dann baldmöglichst befreien.

Viele Black-Metal-Bands und -Hörer versuchen ihre Umwelt und sich selbst nach christlichen Inhalten zu durchleuchten, um dann alles in dem krampfhaften Versuch zu invertieren, so unchristlich wie möglich zu sein. Das halte ich nicht für sinnvoll. Erstens ist das Resultat nicht überzeugend. Dieser Ansatz wird nie zu einem praktikablen Gesellschaftsmodell führen, und letztendlich wird man nur dann das Christentum gänzlich in die Geschichtsbücher verbannen können, wenn man eine brauchbare Alternative entwickelt. Zweitens liefert diese Invertierung in gewisser Weise nicht mehr als ein Spiegelbild des christlichen Originals. Drittens ist es fast unmöglich, sich nicht in irgendwelche Widersprüche zu verheddern. Der Grund hierfür liegt nicht nur in unserer kulturellen Prägung, sonder auch darin, dass viele christliche Prinzipien eigentlich nicht unnatürlich sind und folglich nie das Zeitliche segnen werden.

 

Ein Beispiel: Ich habe schon des öfteren Interviews (z.B. im Ablaze oder Legacy) gelesen, in denen Musiker ihre antichristliche Einstellung damit begründeten, dass durch das Christentum so viele Menschen ums Leben gekommen seien (Kreuzzüge, Hexenverbrennungen). Erstens ist der Mensch ein kriegerisches Wesen und wenn es das Christentum nie gegeben hätte, so wären wahrscheinlich aus anderen Gründen Kriege geführt worden. Zweitens, und das ist wichtiger, widersprechen sich solche Musiker selbst, weil sie durch das sinngemäße Zitieren eines der 10 Gebote (»Du sollst nicht Töten«) ihre antichristlichen Ansichten begründen. Eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit christlicher Werte ist meiner Meinung nach interessanter als eine Analyse der historischen Fehlleistungen.

Werfen wir einen Blick in die politische Sphäre. Die PDS, die sich selbst größtenteils als atheistisch bezeichnete, schrieb in ihrem Bundesparteiprogramm (ob es im Programm von »Die Linke« noch steht, ist mir nicht bekannt), dass man eine HIV-Infizierung oder eine Aids-Erkrankung als Asylgrund anerkennen solle, weil für diese Kranken in ihren Herkunftsländern keine ausreichende medizinische Versorgung zur Verfügung steht. Klingt doch wie ein sehr nobles und humanistisches Ziel, oder etwa nicht?

Stellen wir uns einmal vor, dass dieser Programmpunkt tatsächlich realisiert würde. Es gibt heute sehr bevölkerungsreiche afrikanische Staaten, in denen die Lebenserwartung allein auf Grund von Aids von 72 auf 39 Jahre gesunken ist. In manchen Ländern ist etwa jeder dritte Einwohner HIV-Infiziert. Insgesamt gibt es in Afrika etwa 50 Millionen infizierte Menschen (alles alte Zahlen, die den heutigen Zustand wahrscheinlich sehr beschönigen). Die Versorgung eines HIV-Infizierten oder aidskranken Menschen hier in Deutschland kostet ein kleines Vermögen, vor allem wegen der Unmenge an Medikamenten, die nötig sind, um das Immunsystem aufrecht zu erhalten. Wenn nun jeder infizierte Afrikaner nach Deutschland fliegen könnte, um hier durch Vorzeigen seines Bluttests eine Aufenthaltsgenehmigung mit voller sozialer und medizinischer Absicherung zu erhalten, dann würde kaum einer noch zuhause bleiben. Es wären aller Wahrscheinlichkeit nach Millionen, die – arbeitsunfähig wie sie als schwerkranke und unintegrierte Menschen nun mal sind – unsere Sozialkassen belasten und unsere Krankenhäuser übervölkern würden. Die Kosten für ihre Versorgung würden astronomische Höhen erreichen, unser gesamtes Gesundheitssystem würde in kurzer Zeit zusammenbrechen, unsere Krankenhäuser würden hoffnungslos überfüllten Sterbelagern gleichen und auf einen Arzt kämen Tausende von Patienten. Zudem würden die HIV-Infektionen unter den Deutschen drastisch ansteigen und zweifelsohne käme es bald zu einem Fremdenhass, wie man ihn bisher noch nie in Deutschland erlebt hat. Man würde jeden Schwarzen zuerst einmal als Aidskranken ansehen.

Nun, genug dieses Horrorszenarios, das von mir wahrscheinlich noch viel zu milde dargestellt wurde. Über Programmpunkte wie diesen braucht man sich nicht zu sorgen, weil sie ohnehin vollkommen undurchsetzbar sind. Man muss sich aber schon fragen, was eine Partei dazu bewegt, einen solchen Schwachsinn zu drucken. Ich kann zwei Erklärungsversuche bieten. Erstens: Die Verfasser dieses Programms sind tatsächlich von einer solch fanatischen christlichen Nächstenliebe und einem solch radikalen Humanismus beseelt, dass sie die katastrophalen Auswirkungen eines solchen Gesetzes in Kauf nehmen würden. Zweitens (wesentlich wahrscheinlicher): Sie halten diesen Vorschlag selbst für Schwachsinn, spekulieren aber darauf, dass 95% des Wahlvolkes sowieso nicht klar denken können, und dass die meisten Deutschen mit einer »Ich find's gut, wenn man den armen Leuten helfen will« Einstellung zu Wahlurne gehen.

Es gibt freilich nicht nur bei der PDS solche Programmpunkte. Ich wage mal zu unterstellen, dass es in einem atheistischen Land niemals Parteien geben würde, die sich für irrationale Ziele dieser Art einsetzen würden, weil eine vollkommene Abwesenheit von Logik aus einer christlich/religiösen Tradition heraus wesentlich wahrscheinlicher ist. Diese beiden Beispiele (anti-christliche Metal-Band- und PDS-Beispiel) zeigen, dass es nicht so einfach ist, sich von seinen kulturellen Wurzeln zu lösen, wie viele offensichtlich meinen.

 

Woran sollen wir uns nun orientieren? So trivial das auch klingt, aber ich halte es für wichtig, dass die Menschen sich ihre eigene Wertemixtur mischen. Das ist es wohl, was manche als radikalen Individualismus bezeichnen, und das ist es auch, was andere unter der so oft verwendeten Formel »Ich bin mein eigener Gott« zusammenfassen.

Leider kommen wir nun aber wieder bei dem Problem an, das ich ganz zu Anfang kurz angerissen habe: Kann der Mensch als sein eigener Gott, ganz ohne Religion, ohne Vorschriften und ohne Werteformatierung, wirklich leben und glücklich werden, oder flüchtet er sich dann in Ersatzreligionen und Kulte hinein, die ihm wieder den Halt geben, den er als gottloser Mensch allein auf weiter Flur vermisst hat? Ich glaube schon, mit dem Sterben des Christentums eine Zunahme an Ersatzreligionen (wie beispielsweise Geld oder Astrologie) beobachten zu können. Taugen diese Ersatzreligionen mehr als die Herkömmlichen oder nicht? Ich denke, sie taugen gar nichts. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass ein gläubiger Mensch stärker ist als ein Ungläubiger. Darin liegt wohl auch der Grund dafür, dass die Forscher aus Definition 2 (Stichwort Vulkan) kein gottloses Volk haben finden können. Ein gottloses Volk wäre schon längst von anderen erobert und missioniert worden. Die Losung »Christentum ist nur für Schwache, wir glauben an gar nichts und sind viel stärker«, die in Black-Metal-Kreisen oft zu hören ist, geht meiner Meinung nach nicht auf. Ich-Zentrierter Egoismus (wie er typisch für den Satanismus ist) schadet der Gesellschaft genauso wie ein übertriebener Altruismus (wie er oft in deutschen christlichen Vereinigungen zu finden ist).

Ersatzreligionen können uns in unserer Glaubensfindung durchaus nützlich sein. Irgendwann kann man das »Ersatz« auch einfach wegstreichen. Ich halte es aber für wichtig, dass Ersatzreligionen auch eine gewisse philosophische Tiefe und ein paar grundlegende Werte und Normen mitbringen. Das eine oder andere kann man sogar dem Christentum entleihen. Ich habe Drogen als Beispiel für Ersatzreligionen genannt. Einen schlechteren Ersatz kann ein Mensch sich kaum aussuchen. Religionen wie die christliche können die Eigenschaft haben, schwache Menschen stärker zu machen. Ersatzreligionen wie Marihuana haben die Eigenschaft, schwache Menschen noch schwächer zu machen. Astrologie oder die Backstreet Boys richten wohl keinen großen Schaden an, bringen aber auch keinen für mich sichtbaren Nutzen.

Da dieser Artikel auch etwas über mich Aussagen soll, verrate ich zum Abschluss noch, aus welcher Glaubensmixtur sich meine persönliche religiöse Überzeugung zusammenstellt: Ich glaube an die Logik und die Wissenschaft. Ich verehre die Natur und ihre Gesetze, weil sie mich und meinen Lebensraum erschaffen haben. Aber ich vergöttere den Geist des Menschen, so wie er in den Werken verschiedener großartiger Schriftsteller für die Ewigkeit bewahrt wurde, und so wie ich ihn persönlich im Umgang mit einigen wenigen herausragenden Persönlichkeiten habe kennen lernen dürfen. Dieser Geist hat mich mehr geprägt und beeindruckt, als alles andere auf der Welt. Diese Personen haben mir eine Reihe von Werten, Idealen und Prinzipien vermittelt, an die ich fest Glaube, und von denen ich hoffe, dass sie meinen Charakter stärken und meinen Geist wach halten. Den Geist und das Erbe dieser vorbildlichen Menschen weiter zu tragen, darin liegt zu einem wesentlichen Teil der Sinn meines Lebens. Ich habe, gerade wenn ich unter Druck stand, immer besonders intensiv die Stärke gefühlt, die von dieser Geisteshaltung ausgeht, und oft musste ich beobachten, auf was für eine jämmerliche Art und Weise viele von denen zusammengebrochen sind, die sich zuvor gerne als anti-gläubige Eigengötter stilisiert haben.

Abschließen möchte ich mit einer Literaturempfehlung: Wer von Friedrich Nietzsche sowohl »Der Antichrist« wie auch die Geschichte »Der Tolle Mensch« aus seinem Buch »Die fröhliche Wissenschaft« liest (thematisch ähnelt sie unserem Lied »Rede des toten Christus«), kann sich sowohl von der antichristlichen wie von der atheismuskritische Seite dieses Religionsdiskurses ein gutes Bild machen.

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