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Christen und Muslime im »Dialog«
Heilsweg oder Mogelpackung?
Auszüge aus einem alten SPIEGEL-Artikel
(»Der verlogene Dialog"; 51/01), der bis heute aktuell geblieben ist
Dialog - das gilt in der deutschen Kirchenszene als ein »Allheilmittel«, dem »nahezu Wunderkräfte« beigemessen werden, wie der Berliner »Tagesspiegel« beobachtete. Ob in Gemeindesälen oder Gebetsstuben, in Fernsehstudios oder kirchlichen Akademien: Überall ist »interreligiöser Dialog« angesagt, suchen Christen eifrig nach dem Guten im Glauben der anderen.
Unsicherheit kommt auf, wenn etwa die Hamburger Dreieinigkeitsgemeinde Muslime in ihre Kirche lädt, um »zu unserem gemeinsamen Gott« zu beten. Nicht nur Sektierer fragen sich dann, ob denn der dreieinige Christengott tatsächlich identisch sei mit dem Allah jener Araber, die wenige hundert Meter weiter, vor der al-Kuds-Moschee, Lokalreportern in den Notizblock diktieren: »Atta ist im Himmel, aber ihr kommt in die Hölle.«
Vor gut gemeinter »Religionsvermischung« warnen selbst progressive Würdenträger wie Margot Käßmann, lutherische Landesbischöfin in Hannover. Auf fundamentale Unterschiede im Gottesverständnis von Muslimen und Christen weist auch ein Papier hin, das im Auftrag der katholischen Bischöfe verfasst worden ist: Der Christenglaube an den dreieinigen Gott - samt des gekreuzigten und auferstandenen Jesus - gelte nach der Koran-Sure 5 als strafwürdige »Vielgötterei«.
»Wir dürfen den Dialog nicht naiv führen, ... lässt sich der EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock vernehmen. Es gebe, weiß der Bischof, in der Kirche »eine Mentalität der Gutmeinenden«, die wünschten, »dass wir uns auf das Gemeinsame der Religionen konzentrieren und das Trennende weglassen müssen, so als wäre unser Christuszeugnis ein entbehrliches Sahnehäubchen«.
Geradezu unterwürfig reagiert manch ein Christenmensch, wenn die brutale Unterdrückung der Frau in nahezu allen muslimisch geprägten Gesellschaften angesprochen werden müsste. Warum es einer Muslima verboten ist, einen Christen zu heiraten; warum sogar interreligiöse Techtelmechtel beispielsweise in Iran mit Kerker oder Tod bestraft werden; warum Frauen in islamischen Ländern die Schul- und Berufsausbildung oft untersagt ist; warum Söhnen im Erbfall doppelt so viel wie Töchtern zusteht; warum weibliche Untreue nach der Scharia mit Tod durch Steinigung bedroht ist - das alles wird in den Höflichkeitsdialogen oft ausgespart.
Allmählich dämmert manchem Kirchenmenschen auch, dass er sich aus schierer Konfliktscheu - Friede, Freude, Inschallah - zu lange darauf beschränkt hat, christliche Missetaten wie die Kreuzzüge vergangener Jahrhunderte zu verdammen, den Islam hingegen als »im Grunde tolerant« zu preisen.
Auf eine grausame Nebenwirkung solcher Beflissenheit weist der Islamexperte und Buchautor Hans-Peter Raddatz ( »Von Gott zu Allah?«) hin: »Indem beispielsweise der katholische Dialog den Islam als tolerante Religion verkündet, unterstellt er sich islamischer Propaganda, die ihn zudem zwingt, die Christenverfolgungen in dessen Gebieten zu verschweigen.«
Lieber schwärmen die Dialogbeflissenen davon, dass Islam »Frieden« bedeute (obgleich das Wort in Wahrheit für »Hingabe« steht) und eine von Grund auf friedfertige Religion sei. Doch die Dialogversion der Wahrheit stößt zunehmend auf Zweifel - bei Rechten wie bei Linken, in der »FAZ« wie der »taz«.
Das Gerede vom »friedlichen« Islam, erklärt Fachautor Raddatz, sei zwar zum »festen Dogmenbestandteil des interreligiösen Dialogs« geworden. Es negiere jedoch »völlig das unerschütterliche Feindbild, das der Islam vom Westen und vom Christentum hat"; aus dieser Sicht müssen alle »Ungläubigen« bekämpft werden, bis der »Frieden«, nämlich die »Weltherrschaft des Islam«, gesichert sei.
Selbst oft nachgiebig bis zur »multireligiösen Schummelei« (so der Berliner Bischof Huber), zeigen sich die christlichen Dialogisten immer wieder verblüfft über den Absolutheitsanspruch ihrer Gegenüber, die selbst in Diskussionen um absurd anmutende Glaubenssätze keinen Millimeter preisgeben.
Als »befremdlich« empfindet der evangelische Bremer Islambeauftragte Heinrich Kahlert beispielsweise das »muslimische Überlegenheitsbewusstsein, den unverhohlenen Anspruch, die bessere Religion zu vertreten« - etwa wenn ihm »ein frommer Muslim auf den Kopf zusagt, er sehe für uns Christen keine Möglichkeit, ins Paradies zu gelangen«.
Ähnlich spitzfindig fallen die Antworten aus, wenn Dialogteilnehmer die heikle Frage nach dem Verhältnis der muslimischen Glaubenslehre zum Grundgesetz stellen und Umfragen zitieren, nach denen gerade mal 52 Prozent der Muslime in Deutschland Koran und Verfassung für vereinbar halten. Es gebe »keinen Widerspruch zum Grundgesetz, den man nicht juristisch lösen könnte«, flüchtet sich al-Khalifa dann ins Nebulöse.
Mit solcher Logik lässt sich auch rechtfertigen, dass die Scharia jeden mit dem Tode bedroht, der aus der islamischen Glaubensgemeinschaft austritt - klarer Widerspruch zur »negativen Religionsfreiheit«, die das Grundgesetz garantiert.
Dass der schwierige Dialog, bei dem Mittelalter und Postmoderne oft ungebremst aufeinander prallen, nur selten im offenen Eklat endet, liegt nicht allein an der Höflichkeit der christlichen Partner. Islamwissenschaftler Tibi hat muslimische Diskussionsteilnehmer beobachtet, die sich geschmeidig zum Grundgesetz und zur Integration bekennen - jedoch nur auf dem Dialogpodium. Tibi: »Kaum ist der deutsche Gutmensch gegangen, sagt der Fundamentalist: Das ist ein dreckiger Kreuzzügler.«
Nur zögernd, so scheint es, folgen die deutschen Berufsseelsorger dem Appell des EKD-Auslandsbischofs Koppe, dem Dialog eine andere Wendung zu geben und Abschied zu nehmen von lieb gewonnenen Verschleierungsfloskeln. Zu den Aufgaben der Kirche gehöre es auch, fordert Koppe, »den Muslimen Menschenrechte, Minderheitenschutz und den säkularen Staat als Errungenschaften der Moderne zu vermitteln«.
Dass auch ein solcher Dialog, offen und ehrlich, möglich ist, beweisen Christen und Muslime im Hamburger Multikulti-Viertel St. Georg. Schon vor drei Jahren nahm ein Zirkel, dem auch Kirchenvertreter beitraten, das Gespräch über Themen auf, die anderswo tabuisiert werden.
Auch der skeptische Kardinal Lehmann setzt sich für die in Deutschland lebenden Muslime ein, obgleich er weiß: »Wenn ich in Saudi-Arabien einen Gottesdienst halten will, riskiere ich Gefängnis.«
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